Aktuell schreibe ich für meine drei Kinder und inzwischen sieben Enkel meine Erinnerungen an die Zeit meiner Kindheit und Jugend auf. Zunächst sollte es nur ein Aufsatz werden. Nach zwei heißen Sommerwochen und nunmehr über 50 Seiten Din A4 nimmt das Werk aber eher den Umfang eines Buches an.
In meinem Leben spielte die Fotografie lange eine wichtige Rolle, daher habe ich ein Kapitel dem Thema gewidmet.
Ich stelle das Kapitel hier auf die Homepage.
Vielleicht ist der Inhalt ja auch für den einen oder anderen Leser interessant.
Fotografie - mehr als ein Hobby
Es gab nicht den einen Moment, den einen Auslöser, dass ich zur Fotografie kam.
Der Papa hatte eine Klappkamera, mit der er schwarz-weiß Fotos machte. Entfernung, Blende, Belichtungszeit musste man schätzen und natürlich manuell einstellen. 1/125 Sekunde, Blende 5,6 bei Wolken, Blende 8 bei Sonnenschein, das war die Regel.
Wenn der Film voll war, ging er damit zum Schuler in die Drogerie in Weikersheim, ließ den Film wechseln und holte eine Woche später seine 7x10cm Schwarzweißbildchen mit weißem Rand und Büttenschnitt ab. Der Onkel Willi vom Hof hatte natürlich etwas Besseres, eine Kamera mit eingebautem Belichtungsmesser. Damit hat der auch Farbfotos gemacht beim Besuch auf’m Hof, immer zwischen Sonntagskaffee und der obligatorischen Hofbegehung.
Mein Opa Johann, geboren 1897, hat früher auch schon fotografiert, mit einer Plattenkamera, die ich als kleiner Bub kaputtgemacht habe. Heute nennt man das Fachkamera. Die Fotoplatten hat er selbst entwickelt - damals schon in Rodinal, so wie ich 50 Jahre später meine S/W-Abzüge auch.
Für einen „Häcker“, einen Kleinbauern, war das mehr als Avantgarde !
Also, vermutlich habe ich ein „Foto-Gen“ - daher wohl der Begriff „fotogen“.
Jedenfalls habe ich mir mit fünfzehn für mein erstes im Ferienjob verdientes Geld eine Spiegelreflexkamera geleistet, eine Mamiya 528TL mit 50mm Normalobjektiv, gekauft beim Drogeriemarkt Schuler in Weikersheim.
Damit habe ich fotografieren gelernt, unter Zuhilfenahme von allen Büchern, die ich mir zum Thema irgendwo ausleihen konnte. Vermutlich 1969, dem Jahr der Mondlandung, fand ich in Bad Mergentheim in einer Bibliothek „Die hohe Schule der Fotografie“ von Andreas Feininger - das Standardwerk für analoge Fotografie schlechthin, bis heute. Ich habe jede Zeile aufgesaugt. Was ich darin einmal gelesen hatte, habe ich nie mehr vergessen.
Erwin S. in Gammesfeld, also Mama’s Cousin, hat auch leidenschaftlich fotografiert und selber entwickelt. Von ihm habe ich die erste Dunkelkammerausstattung geerbt. Opa hat mir dann den neuen Vergrößerer von Durst bezuschusst und immer gegrinst, wenn er meine Entwicklerflaschen mit der Aufschrift „Rodinal“ gesehen hat.
Auf meine „Karriere“ bei der „Tauberzeitung“, später auch bei den „Fränkischen Nachrichten“ und meinen Fotokurs im Kunstunterricht bin ich an anderer Stelle bereits eingegangen. Nach dem Abi habe ich mir eine Minolta SRT101 mit 1,4er Normalobjektiv geleistet und ein f2,8/135er Tele.
Als Student belegte ich dann eine Vorlesung für Fotografie beim Physikprofessor Dr. Weidlich, der natürlich auch passionierter Fotograf war. Vermutlich war ich der einzige Student in dem Kurs, der schon jahrelange, praktische Erfahrung mit der Fotografie hatte.
In meiner winzigen Studentenbude, einem winzigen Dachzimmer mit Kniestockhöhe bis zur Matratzenoberkante, hatte ich natürlich auch meine Dunkelkammer dabei. Später dann 1979 während der Diplomarbeit, durfte ich mir in einem Verließ mit fließend Wasser im Hellwege-Institut meine Dunkelkammer einrichten. Und weil ich zu der Zeit nächtelang Messungen in meinem Labor machte, hatte ich einen Türschlüssel zum Institut, konnte jederzeit rein, also auch sonntags in meine Dunkelkammer.
Meinen Freund und Studienkollegen Gerhard habe ich zu der Zeit dann auch mit dem Foto-Virus infiziert.
Später, als ich bereits bei Siemens tätig war, träumte ich 3 Jahre lang von einer Mamiya RB67 Mittelformatkamera. 1984 machte ich eine wirklich gute Erfindung, die mit 10.000 Mark extra honoriert wurde. Damit leistete ich mir dann einen Koffer mit einer kompletten RZ67-Ausrüstung, die ich samt schwerem Stativ sogar auf das Gamsjoch hochgeschleppt habe.
Erst im Lauf der Jahrzehnte wurde mir wirklich klar, warum mich das Thema Fotografie so lange fasziniert hat. Fotografie hat mehrere Aspekte, die man verstehen und trennen muß.
1. „Malen mit Licht“, die bildhafte Gestaltung, das ist der künstlerische Aspekt, der uns am ehesten bewusst ist
2. Das Erfassen von (Bild-)Information mittels langer oder ultra-kurzer Belichtungszeit, um sichtbar zu machen was wir mit unseren natürlichen, sinnlichen Möglichkeiten nicht vermögen
3. „Bildspeicherung“, die grundlegende Technik, die beides überhaupt erst erlaubt
Für mich war primär die Bildspeicherung zur Dokumentation faszinierend. Wenn ich mit meinem roten 2CV unterwegs war, war immer die Kamera im Auto dabei. Ich musste alles fotografisch festhalten und dokumentieren. Es war dann auch jedesmal ein Erlebnis, wenn ich in der Dunkelkammer sah, wie ein Bild im Entwicklerbad langsam entstand.
Nur mit einer Kamera mit variablen Belichtungszeiten lassen sich ein Blitz oder die Farb- und Formenspiele der Polarlichter bildhaft erfassen. Das menschliche Auge alleine kann das nur ansatzweise.
Weitere technische und optische Entwicklungen eröffneten im Lauf der Jahre neue Spielmöglichkeiten wie die Makrofotografie, Stereoskopie und Panoramafotografie.
Noch KEINE Menschengeneration vor der meines Opas hatte die Möglichkeit, ein Bild oder einen Ton zu speichern. Man konnte bis ins 19. Jahrhundert ein Bild nur gemalt oder gezeichnet aufbewahren. Heute gibt es noch keine Möglichkeit, Gerüche oder Geschmack zu synthetisieren und digital zu speichern. So war es im 19. Jahrhundert auch mit Ton- und Bildinformation. Wenn man stattdessen versucht, ein Bild, ein Sujet mit einer Perspektive, einen Geruch oder Geschmack mit Worten zu beschreiben, bleibt die Information rudimentär. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ heißt es. Erst die Fotografie vermochte, ein visuelles Bild vollständig wiederzugeben, mit einem Detailreichtum und Tonwertumfang, der grafisch unerreichbar ist - und das unabhängig von Schrift und Sprache. Die Weiterentwicklung, die Kinematografie, heute als Film oder Video bezeichnet, bietet die Möglichkeit, auch noch zeitliche Veränderungen eines Sujets zu speichern und wiederzugeben.
Vielleicht wird es Menschen in 100 Jahren möglich sein, daß sie mithilfe einer Soro oder Suru alle ihre imaginären Bilder direkt aus dem Gehirn auf eine Wand projizieren.
Gott bewahre!
Wenn Papa seine Kamera zum Schuler brachte, damit der dort den 24er Film wechselte und entwickelte, waren die ältesten Aufnahmen auf diesem einen Film bereits ein, manchmal zwei Jahre alt. Daher war es jedesmal spannend, endlich die Ergebnisse zu sehen. Diese Fotos heißen zu recht „Erinnerungsfotos“.
Heutzutage wird sich kaum noch jemand der Besonderheit der Bildspeicherung bewußt. Man ist es gewohnt, ein aufgenommenes Bild in-situ auf einem Handy-Display zu sehen, und ohne eigenes Zutun wird es zur Aufbewahrung in die „Cloud“ geladen. Daß man es von dort jederzeit binnen Sekunden weltweit verschicken oder ausdrucken kann, wird inzwischen als Selbstverständlichkeit angesehen.
Aber gerade weil inzwischen jeder Depp ohne Grundkenntnisse der Fotografie mit dem Handy mehrere tausend Aufnahmen im Jahr macht, hat die Fotografie ihren Reiz weitgehend verloren.
Vielleicht wird euch Kindern und Enkeln der hohe Wert der Bildspeicherung wieder bewusst, wenn ihr einmal unerwartet realisiert, dass euere Handy-Fotos, nur bestehend aus Nullen und Einsen, für immer im digitalen Nirwana verschwunden sind. Viele meiner archivierten Filme und Fotos auf Papier und in Büchern werden aber dann immer noch da sein, wenn ihr darauf aufpasst.




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